Wirtschaft und Finanzen als Glaubensfrage – Herausforderungen an die Kirchen in Deutschland am Beispiel der Krise der neoliberalen Globalisierung in Argentinien

Ein Beitrag beim Forum »Kirchen, Banken, Weltfinanzsystem« von René Krüger

Die Herausforderungen, vor die Kirchen durch die vom neoliberalen Globalisierungsprozess hervorgerufenen Probleme gestellt werden, sind Legion. Allein eine schlichte Auflistung würde immens viele Seiten füllen, ganz zu schweigen von ihrer Analyse. Ausgehend von der wirtschaftlichen und sozialen Situation Argentiniens, möchte ich mich im Folgenden auf die Feststellung beschränken, dass aus unserer lateinamerikanischen Perspektive die Wirtschaft und die Finanzen als Glaubensfrage aufgefasst werden müssen, und dass sich aus dem Evangelium eine eindeutige, biblisch-theologisch begründete Ablehnung des globalisierten Neoliberalismus ergibt.

In Lateinamerika sind wir der Ansicht, dass die Theologie von da aus zu betreiben ist, „wo der Schuh drückt“, und der drückt bei uns im Süden nun ganz gewaltig. Meinen Sie, meint ihr nicht, dass er eines Tages auf der ganzen Welt drücken wird?

Der Ausgangspunkt: Die wirtschaftliche Situation Argentiniens

Nach einem Jahrzehnt beflissener Einführung und Durchführung des neoliberalen Wirtschaftsrezepts leiden die Länder Lateinamerikas und ganz besonders Argentinien als Musterschülerin dieses Rezepts unter der Auflösung der Ansätze eines Wohlfahrtsstaates, der Zerschlagung der Mittelschicht, einer nicht zu lösenden Auslandsverschuldung (die zum Teil illegitim ist und zum anderen längst durch die hohen Zinssätze abgezahlt wurde), dem systematischen Abbau der industriellen Produktion, der Lähmung der Landwirtschaft, einer immer größer werdenden Arbeitslosigkeit und einer Armutsgrenze, die in Argentinien inzwischen fast 60 Prozent der Bevölkerung erfasst hat, dem Zusammenbruch der meisten sozialen Netze, der Zerstörung der Umwelt, dem Ausverkaufs des nationalen Besitzes an internationale Privatfirmen, der Vergeudung der staatlichen Reserven, einer nicht mehr zu beschreibenden Korruption, der wirtschaftlichen Unbeständigkeit, der totalen Verelendung der Unterschicht. In Argentinien hat die Ungerechtigkeit und Verzweiflung der Menschen ein katastrophales und verheerendes Höchstmaß erreicht, das im Dezember 2001 zum lange befürchteten Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft kam, sofort begleitet von einer sozialen Explosion. Die argentinische Krise mit ihrem sozialen Wutausbruch ist jedoch keineswegs ein Sonderfall, sondern nur ein geplatztes Geschwür einer weltumspannenden, tief sitzenden Krankheit, die in der Herrschaft der reichen Nationen, der Akkumulation, des internationalen Finanzkapitals und der Reichen im Süden über die armen Länder und besonders über die Armen dieser Länder besteht. Der Fall Argentiniens, wo heute 57 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, führt uns drastisch das Scheitern dieses Wirtschaftsmodells ohne jegliche Kontrolle vor Augen. Dass in manchen Ländern Europas inzwischen auch ein starkes Gezerre zwischen sozialer Marktwirtschaft und totalem Neoliberalismus in Gang gekommen ist, weist darauf hin, dass auch die reichen Nationen die Aufspaltung in Arm und Reich erleiden werden.

In Argentinien verfügen die öffentlichen Krankenhäuser nicht mehr über die notwendigsten Medikamente und Mittel; die Schulen werden immer leerer, weil viele Kinder vor Hunger und wegen fehlender Kleidung nicht mehr kommen können; die Inflation lässt das Notwendigste zum Überleben wie Brot, Milch, Gemüse, Fleisch für viele Einwohner zu Luxusgütern werden. Selbst der naivste Verfechter des Neoliberalismus fängt an einzusehen, dass das lauthals als einzige Lösung angekündigte Wirtschaftsmodell mit seinen rabiaten Privatisierungen nicht den versprochen Wohlstand für alle gebracht hat, sondern nur eine kleine Schicht bereichert hat, während die Mehrheit immer ärmer wird.

Das gilt faktisch für ganz Lateinamerika. Die wirtschaftlichen und sozialen Verheißungen, mit denen das neoliberale System eingeführt wurde, haben sich als vollkommen unrichtig und im Nachhinein als unredlich und betrügerisch entpuppt, und zwar nicht nur wegen der nicht eingelösten Versprechen baldigen Wohlstands für alle, sondern weil das System von der falschen Behauptung der Nichteinmischung des Staates in Sachen Marktkontrolle ausging. Und zwar ist dies falsch, weil erstens die reichen Nationen des Nordens sehr wohl ihre Wirtschaft durch Zuwendungen, Einfuhrbestimmungen und Kontrollmechanismen schützen, von uns aber einen total freien Markt fordern; weil zweitens im Süden die Mächtigen der Wirtschaft und der Finanzspekulation sehr wohl staatliche Organe zu benutzen wissen, um ihr Geld zu machen; und weil drittens der imperiale Staat seine Ziele mit Gewalt durchsetzt und damit das Postulat der Marktfreiheit ins Absurde führt.

Die internen Maßnahmen unserer Regierungen haben sich als vollkommen ungenügend zur Lösung der anstehenden Probleme der Ungerechtigkeit erweisen. Die Fundamente zu diesem System wurden in Lateinamerika bereit vor drei Jahrzehnten durch Militärdiktaturen gelegt, mit denen jeglicher politischer Widerstand durch staatlich gelenkten Terror gebrochen und buchstäblich ausgerottet wurde.

Der Aufstand der Kochtöpfe in Argentinien war die unmittelbar Antwort der geschädigten Menschen auf dieses zerstörerische, entmenschlichende und abgöttische Projekt. Er ist die Forderung der Menschen, als solche behandelt zu werden und nicht als Waren, Objekte oder Abfall.

In unseren Ländern wachsen die Ablehnung des Neoliberalismus und der Wunsch nach Alternativen, wie paradigmatisch und plakativ aus der Wahl Lulas in Brasilien und aus der Neuorientierung der Bevölkerung nach der ersten Runde der Präsidentenwahlen in Argentinien hervorgeht. Noch fehlt nahezu überall die Fähigkeit, klare Alternativen ins Auge zu fassen und gegenläufige Modelle und Lebensstile aufzubauen, da sich die Macht eindeutig in den Händen der Nutznießer des Neoliberalismus konzentriert, unsere Demokratien schwächlich sind und die Massenmedien unter Kontrolle stehen und alles tun, um die notwendige Umgestaltung zu verhindern. Es gibt jedoch immer mehr Anzeichen einer Suche nach einer Neuordnung. Noch kann niemand so richtig sagen, wie es weitergehen soll, aber so geht es auf keinen Fall weiter.

Das Wesen eines zerstörerischen Systems

Wir stehen heute in einer neuen Phase des Kapitalismus, die sämtliche Formen der Macht miteinander verbindet und alle Dimensionen des Lebens in Mitleidenschaft zieht. Das kapitalistische Produktionssystem hat sich in ein Finanzsystem verwandelt. Ebenso neu ist auch die totalitäre Beherrschungsstrategie des Systems: Der globale Finanzmarkt hat sich in ein Imperium und zugleich in einen Gott verwandelt. Dieses globale Finanzimperium wird durch militärische, politische und ideologische Macht gestützt; und seine Kräfte bestimmen das Überleben oder den Untergang der Länder und der Völker an der Peripherie. Das Marktimperium und die militärische Macht bedrücken auf allen Ebenen, auf der Sozialen, der Politischen, der Wirtschaftlichen, der Ökologischen und der Geistig-Geistlichen, und rufen damit Krisen für die Menschen und für viele Länder der Welt hervor. Sämtliche Länder des Südens weisen eine dramatische Krisenkonvergenz auf. Als neues Zeichen der Zeit sticht glasklar die bisher ohne Parallele dastehende Integration der wirtschaftlichen Globalisierung mit der globalen Geopolitik hervor. Die negativen Auswirkungen der Finanzspekulationen und der Deregulierungspolitik des Weltwährungsfonds und der Weltbank auf die Wirtschaft der Länder im Süden verbinden sich mit der aktuellen Tendenz zur Militarisierung als einer Strategie des totalen Krieges, mit dem die Ausbeutung und der Markt garantiert werden sollen.

Der heutige Markt steht nicht mehr im Dienst des Austauschs von lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen für alle, noch erlaubt er, ihn politisch und sozial für das Gemeinwohl einzusetzen. Der sich in den Händen einer Minderheit von absoluten Eigentümer befindende total deregulierte Markt hat nur noch ein einziges Ziel: Die Maximierung der Akkumulation des Reichtums für einige Wenige. Das nennt die Bibel Mammon. Mammon ist die letzte biblische Zuspitzung, um auszusagen, dass einige Wenige mehr als die große Mehrheit hamstern. Dafür stehen mehrere Sündenschemas bereit: Sinnlose Anhäufung von Gütern, absolutes Privateigentum, hohe Zinsen, finanzielle Spekulation, Großgrundbesitz, systemischer Raub des Eigentums an Boden plus Zinsnehmung.

Anstatt weltweit für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt zu werden, wird mit dem Geld spekuliert, und irgendwo muss ja jemand arbeiten, damit andere so unheimlich viel mit dem Hin- und Herschieben der Geldmassen verdienen. Anstatt das Leben zu erhalten, ist die Wirtschaft zu einem totalitären System zum Nutzen von immer weniger Menschen entartet, während die Mehrheit und die Natur schutzlos der Zerstörung ausgeliefert sind.

Das neoliberale und globalisierte Wirtschaftssystem ist eine Fehlentwicklung der Menschheit, denn es stößt Millionen Menschen in das Elend und in den Tod. Seine Auswirkungen auf die ohnehin schon seit Jahrhunderten geschädigten Armen in Lateinamerika sind einfach monströs und abscheulich. Das Gleiche gilt für die übrige Zweidrittelwelt. Dabei geht es nicht um ein paar schwache und vielleicht unfähige Glieder, die noch durch ein soziales Netz aufgefangen werden können; sondern um die Mehrheit der unteren Mittelschicht und um die gesamte Unterschicht der Gesellschaft, und ebenso um die Umwelt. Dieser globalisierte Schaden zeigt auf, dass das System an sich pervers ist und deshalb von uns nur verworfen werden kann.

Erste Reaktionen der Kirchen

In vielen Ländern Lateinamerikas haben die Kirchen eine lange Erfahrung mit gemeinsamen Aktionen, vor allem in der direkten Linderung der Armut, gegenüber den Militärdiktaturen und ihren Verbrechen gegen die Rechte der Menschen, in Notsituationen und Katastrophen. Dieser Erfahrungsschatz kommt ihnen heute zugute, da nur ein gemeinsames und ökumenisches Vorgehen den Aufbau einer breiten Front gegen die Verarmung und die Verelendung fördern, heilende Freiräume für die Verwundeten und Verzweifelten bilden, Hoffnung verkündigen und Alternativen suchen kann.

Immer mehr Gemeinden und Kirchen in Lateinamerika erkennen, dass das neoliberale Projekt das menschliche und soziale Leben zutiefst zerstört; und dass deshalb ein klarer Protest und eine Anklage gegen das neoliberale Vorhaben erhoben werden muss, um der Armut, der Not, der Gewalt und dem anwachsenden Unglück der Mehrheit der Bevölkerung und der Zerstörung der Umwelt vom Evangelium her zu widerstehen. Der Widerstand gegen dieses System wird mit vielfältigen Diensten, Alternativprojekten und Stellungnahmen begleitet, die von den Kriterien der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe, der Geschwisterlichkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben und des Menschen als Geschöpf Gottes und nicht als Verdienstmittel geleitet werden.

Dieser wachsende Konflikt betrifft auch unseren kirchlichen Dialog zwischen Süd und Nord. Die weltweite Christenheit hat sämtlichen nationalen und internationalen Organisationen mehrere wesentliche Dinge voraus. Sie ist ein weltumspannender Organismus, der von der Voraussetzung der Gleichheit vor Gott und der Geschwisterlichkeit aller Menschen ausgeht. Sie ist missionarisch und gemeinschaftlich universal, nicht neoliberal globalisiert; und vor allem wird sie durch den Heiligen Geist geleitet und nicht von Profitgier und finanzieller Spekulation. Dieser Ansatz bei der weltweiten Gemeinschaft unter Gott beinhaltet die Möglichkeit und zugleich die Verpflichtung, dichte und weltumspannende Solidaritätsnetze aufzubauen.

Der Kernpunkt: Die theologische Herausforderung

Folgende unübersehbare Gegebenheiten des globalisierten Neoliberalismus erfordern eine sofortige Stellungnahme von Seiten der Kirchen, da sie das Wesen des christlichen Glaubens infrage stellen:

1.    Der Globalisierungsprozess umfasst die ganze Welt. Alle Menschen, Länder, Kulturkreise, Völker, Schichten und Altersgruppen sind davon betroffen. Da dieser Prozess jedoch nicht mehr Gerechtigkeit und Solidarität in der Weltbevölkerung hervorgerufen hat, sondern im Gegenteil durch seine imperiale Entfaltung mit eindeutig universalen Ambitionen nur mehr Gewalt, Ausbeutung und Tod, steht er auf Kollisionskurs mit der biblischen Vision der oikoumene, der Einheit der weltweiten Kirche und der Menschheit, dem Begriff des einen Leibes Christi mit seinen miteinander verbundenen und gemeinsam wachsenden Gliedern.

2.    Die neoliberale Wirtschaft lebt von einem kontinuierlichen Opferwesen. Der Süden wird für den Norden geopfert, damit dieser weiterhin den Großteil der Reserven der Welt verbrauchen kann. Die Natur wird der Produktion und dem Markt geopfert. Nationale Wirtschaftssysteme werden der Spekulation geopfert. Ganze Länder und Völker werden über den Verschuldungsmechanismus geopfert, damit die Reichen reich bleiben und reicher werden können. Dieses Opferwesen steht der Abschaffung sämtlicher Opfer durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung für andere diametral entgegen.

3.    Der Riss zwischen Arm und Reich wird auf der ganzen Welt immer tiefer. Der neoliberale Globalisierungsprozess bietet einer kleinen Schicht ungeheure Aufstiegs- und Bereicherungsmöglichkeiten, während eine immer breiter werdende Schicht systemisch von der Möglichkeit der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse ausgeschlossen wird und dadurch zusehends verarmt und in die Verelendung (d. h., in die totale und aussichtslose Verarmung) gestoßen wird. Damit steht der Prozess im Widerspruch zu der von Gott geforderten Gerechtigkeit und dem Mandat der Nächstenliebe.

4.    Das deregulierte kapitalistische System verwandelt genau das zum System, was die Bibel kritisiert. Der Kernpunkt der biblischen Kritik an den sozialen und wirtschaftlichen Missständen – die Akkumulation – wird durch den Neoliberalismus zum System gemacht, ohne korrigierenden Einspruch.

5.    Auf der ideologisch-religiösen Ebene stellt ist der globalisierte Neoliberalismus eine totalitäre Weltanschauung, die sich als die einzig wahre und effektive ausgibt und durch ihre absolute Bindung an den individuellen Profit und die ökonomische Effizienz theologisch gesehen das Geld zu ihrem Gott macht. Dadurch wird der Neoliberalismus zum Götzendienst.
Durch sein Versprechen, genügend Reichtum für alle Menschen zu schaffen, ist der globalisierte Neoliberalismus zugleich eine unchristliche Heilslehre.

6.    In diesem System werden die Menschen nur aus der Perspektive der Produktion und des Konsums betrachtet, und nicht als Personen, die in Beziehung zu Gott, dem Nächsten, der Gemeinschaft und der Natur stehen; ebenso wenig als Wesen mit einer geistlichen Orientierung, die lieben können und Liebe brauchen. Ebenso wird die Natur nur noch als Objekt betrachtet, aus dem Gewinn gezogen werden kann.

Mit derartigen Ingredienzien kollidiert der Neoliberalismus mit dem biblischen Monotheismus, der biblischen Anthropologie, der biblischen Heilslehre und anderen wesentlichen Hauptinhalten des christlichen Glaubens, und kann deshalb nur verworfen werden. Sowohl von den Auswirkungen auf die schwachen Glieder der Gesellschaft wie vom christlichen Glauben her ist es auch vollkommen sinnlos, an kosmetische Reparaturen am System an sich oder an Anpassungen zu denken. Es geht um das Markieren des Gegensatzes zwischen einem auf Akkumulation für einige Reiche aufgebautem System und dem Projekt der Bibel, das folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Da die ganze Erde Gott gehört (Psalm 24,12), haben alle Menschen und die gesamte Natur ein Anrecht auf ein Leben in Fülle und Würde.

Dieser biblische Grundansatz lenkt den Blick auf die Systemfrage und nicht auf moralische Ausbesserungen am System, die den sozialen Abbau, die Verelendung und die Zerstörung der Umwelt nicht aufhalten, geschweige denn verhindern können. Der Gegensatz zwischen dem Raubbausystem und dem biblischen Vorschlag ist so eindeutig, dass die Kirchen einfach nicht anders können, als eine klare Position zu beziehen.

Freiraum für Widerstand und Alternativen

Jahrhunderte lang hat die Kirche Tränen getrocknet und Wunden verbunden. Heute kann sie sich aber nicht mehr damit begnügen, denn sie leistet dem ausbeuterischen System einen hoch willkommenen Vertröstungsdienst, wenn sie sich nur um einen kleinen Teil des vom System ausgestoßenen Prozentsatzes der Bevölkerung kümmert, um die sich der Markt überhaupt nicht schert und der auch von den Regierungen abgeschrieben wird. Die Kirche hat heute ein Freiraum für alternative Gemeinschaft und für den Widerstand zu sein, und nicht einfach eine Beschwichtigungs- oder Vertröstungsanstalt. Es ist notwendig, den Schmerz und die Not formulieren zu können und ihre Ursachen aufzudecken; zu klagen und anzuklagen; öffentlich zu sagen, dass Gott ein solches System nicht will; und alternative, von der Solidarität geprägte Gemeinschaft aufzubauen. Dieser Widerstand ist aber nur möglich über eine klare Erkenntnis des Objekts, dem widerstanden werden muss.

Der Einwand, dass das System doch auch gute Seiten wie Internet und E-Mail hat und vielleicht doch noch in absehbarer Zeit der gesamten Menschheit Segen bringen wird, ist genauso sarkastisch wie der Verweis auf den gütigen Kaiser in Rom, der doch dem Plebs kostenlos Brot schenkt und ihm im Zirkus herrliche Spiele vorführen lässt. Von der Rückseite der Geschichte her fragen die von Rom eroberten und brutal ausgebeuteten Völker, ob wir nicht wissen, wer den Weizen mit seinen hohen Tributen bezahlen muss; und aus der Arena erklingen die Schreie der Märtyrer, die uns fragen, ob wir nicht merken, dass sie die Schauspiele mit ihrem Blut am Leben erhalten.

Als Kirchen haben wir heute eine hoch theologische Aufgabe: Wir dürfen öffentlich auf die zersetzende Langzeitwirkung der Vergötzung des total freien Marktes hinweisen. Wir müssen schnellstens der einerseits zusammenwachsenden und andererseits auseinander driftenden Menschheit klarmachen, dass der unkontrollierte Mammon das Leben zerstört. Dabei heißt die Alternative nicht »Kapitalismus oder Kommunismus«, »Ost oder West«, »Nord oder Süd«, »Konservativ oder Revolutionär«, sondern GOTT ODER MAMMON.

Der Süden fragt heute den Norden: Sind Sie, seid ihr bereit, mit uns diese Sicht des biblischen Grundanliegens für ein Leben in Liebe, Würde und Fülle zu teilen?

Bei uns im Süden stehen die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten auf der Tagesordnung der Gemeinden und Kirchen. Ist das bei Ihnen, bei Euch, auch so? Welche Themen bestimmen die Tagesordnungen der Gemeindebeiräte, der Sitzungen der Kirchenleitungen, der Synoden in Deutschland? Was bewegt die Professorinnen und Professoren an den theologischen Fakultäten, wo der Nachwuchs für das Pfarramt und den Religionsunterricht ausgebildet wird? Welches sind die transversalen Sorgen, Themen und Aufgaben der Theologie und der Kirchenpolitik?

Noch können im Norden Prozesse aufgehalten und umgekehrt werden, die auf die Zerschlagung der Mittelschicht abzielen. Dazu reicht es aber nicht, Für- und Wider-Erklärungen über allgemeine Problemlagen abzugeben. Die Hauptwurzel der Probleme, der globalisierte Neoliberalismus mit seinem unmenschlichen und unbiblischen Trieb zur Akkumulation für einige Wenige, muss unmissverständlich erkannt, benannt und angeklagt werden.

Die Themen der Tagesordnungen im Süden sind der Hunger, das Überleben, die Gerechtigkeit, das Leben. Meinen Sie, meint ihr, dass der Schuh im Süden wirklich woanders als im Norden drückt?