Zum Gedenken an Dorothee Sölle

Einige kommentierte Sölle-Texte für das
Forum »Kirchen, Banken, Weltfinanzsystem« von Renate Börger

 

»Gegen den Tod«

Ich muss sterben. Aber das ist auch alles, was ich für den Tod tun werde.

Alle anderen Ansinnen, seine Beamten zu respektieren, seine Banken als menschenfreundlich, seine Erfindungen als Fortschritte der Wissenschaft zu feiern, werde ich ablehnen, alle den anderen Verführungen zur milden Depression, zur geölten Beziehungslosigkeit, zum sicheren Wissen, dass er ja so wie so siegt, werde ich widerstehen. Sterben muss ich, aber das ist auch alles, was ich für den Tod tue. Lachen werde ich gegen ihn, Geschichten erzählen, wie man ihn überlistet hat und wie die Frauen ihn aus dem Land vertrieben.

Singen werde ich,  und ihm Land abgewinnen, mit jedem Tun… 

 

Der liebe Gott  hatte an ihr sicher ebenso viel und besondere Freude

wie wir, denn sie war ein ganz besonders lebensmutiges Exemplar seiner Schöpfung! Kindlichkeit und ernste Verantwortung, Zorn und Lebenslust, Mut gegebenenfalls zum sich unbeliebt machen, zum Berufsrisiko, zum Unwissenschaftlichen, ja zum ausgeschlossen werden. Je mehr sie diesen Mut zeigte, desto mehr wurde sie für viele von uns ein leuchtendes Vorbild in Zivilcourage und Herzensselbstbewusstsein.

1929 ist sie geboren. Gelebt, geliebt und gearbeitet hat sie vor allem mit Fulbert Steffensky, einem ehemaligen Benediktinermönch. Mit ihm zusammen entfaltete sie in Köln Ende der 60er Jahre das Politische Nachtgebet, ein Vorbild für das Münchner politische Samstagsgebet. Sie war eine ebenso politische Theologin wie eine hingebungsvolle Mystikerin, sie war eine scharfe Denkerin ebenso wie ein zärtliche Poetin, eine Feministin ebenso wie eine, die Männer und Frauen als Menschen liebte und herausforderte. Sie zeigte den Weg aus der geduckten Haltung der Erlösungungsbedürftigkeit und Sündenlast, mit der wir Katholikenkinder noch heute beten müssen: Herr, ich bin nicht würdig, einzutreten unter dein Dach… sie zeigte den Weg da raus, indem sie sagte: Gott braucht uns genauso für seine Schöpfung, wie wir Gott brauchen. Gott wartet auf dich, er freut sich auf deinen Beitrag in der Welt!

Nächstenliebe war für sie kein privates Liebesprogramm, sondern eine politische, öffentliche Leitidee des Bauens auf die Wechselseitigkeit des Gebens und Nehmens. Nicht als caritatives Punktesammeln fürs Jenseits, sondern als Liebe zum Lebendigen, zu dem, was wir an Gnade, Freude, Kooperation, wechselseitiger Bereicherung zu erleben vermöge, wenn, ja wenn nicht strukturell die Gier und die Angst geschürt würden, weil Gier und Angst zum Kapitalismus am besten passen.

Das Geben und Nehmen, die Aufmerksamkeit und der Schmerz  waren für sie die drei Aspekte der Liebe.

Nächstenliebe ist keine Tugend, sondern eine Beziehung.

Aus den Beziehungen entsteht das Netz des Lebens. Immer dann, wenn wir geben, ohne zu rechnen, oder wenn wir nehmen ohne Scham, dann knüpfen wir an diesem großen Netz und machen es etwas verlässlicher.

Gib deinem Nächsten, er gibt wie du, nimm von deinem Nächsten, er braucht wie du. Die Gleichheit besteht darin, dass alle zu geben und zu nehmen haben…

Der Satz: »Geben ist seliger als Nehmen« ist in einem tieferen Sinn unwahr und irreführend. Vielleicht sollte man sagen, Geben und Nehmen sind seliger als Haben und Halten. Ich kann mit meinen Händen nur dann nehmen oder geben, wenn sie nicht mit Halten beschäftigt sind.

Um dieses Gleichgewicht oder die Gegenseitigkeit der Liebe zu lernen, brauchen wir eine bestimmte Art der Konzentration, die Simone Weil als Aufmerksamkeit beschrieben hat, Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit.

Schmerz ist beim Geben und Nehmen unvermeidbar
das sagt sie an die Adresse von Marxisten, Humanisten und vor allem Positivisten und Behavioristen, die Schmerz als Unreife, als unnötig oder als eine Zumutung eliminieren möchten.

Wir wissen, dass wir mir der Liebe nie fertig werden, immer in ihrer Schuld bleiben. Dass wir immer hinter der Liebe zurückbleiben, ist der messianische Schmerz in der nicht erlösten Welt. Ich wäre gern der Baum, der das Geben und Nehmen lebt und aufmerksam ist zur Erde und zur Sonne; es ist aber der Schmerz, der mich von diesen Geschwistern trennt.

Aufmerksam werden, geben und nehmen lernen, den Schmerz nicht verleugnen – das heißt: Liebe den Nächsten, er ist wie Du!

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so, sagt eine Freundin. Welchen Sinn hat es, von der Liebe zu reden unter kapitalistischen Bedingungen. Müssen wir nicht von ihrem Misslingen nicht im moralischen, sondern im gesellschaftlichen Sinne?

Das Problem ist der Widerspruch zwischen Binnen- und Außenmoral, von Familie und Arbeits-/Geschäftswelt, von Intim- und Sozialbereich. Dieser Widerspruch hat sich verschärft. Eine Einübung in das Geben und Nehmen ist z.B. für eine Mutter unmöglich, sie muss für den Wettkampf erziehen,

Das Leisten jedoch zerstört die natürliche Struktur des Gebens und Nehmens.

Die Liebe ist ins Private verbannt, es gilt die Aufteilung im System (Luhmann): Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Familie. Und dort, in der Familie soll Liebe sein, bleibt ihr ein kleiner Spielraum.

Das Schicksal der Liebe in der bürgerlichen Welt ist ihre Reduktion. – Sie ist nicht mehr in der Lage, die Beziehungen zwischen den Menschen sinnvoll zu definieren und befriedigend zu regeln.

Daraus resultiert die Unmöglichkeit beim subjektiven Versuch des Liebens in einer Welt objektiven Nichtliebens, insbesondere für die am meisten wetteifernden, die Männer:

Es ist ein verzweifelter Versuch der Männer, Menschen zu werden, wenigstens im Bett. In einer Welt, die objektiv, also technologisch, wirtschaftlich und politisch, nur Nutz- und Lustobjekte kennt, die die menschlichen Tätigkeiten auf Produzieren und Konsumieren beschränkt hat, in der aus dem Geben und Nehmen das Verkaufen und Kaufen geworden ist, kann die Aufmerksamkeit der Liebe nicht aufkommen oder gar wachsen.

Die Sprache der Liebe ist zerstört durch Institutionen wie die Familie und die Kirche mit ihrem von Marx so genannten Liebesgesabbel. In dieser Situation, in der die Liebe zu einer privaten, hilflosen und sentimentalen Angelegenheit reduziert ist, sind neue, bessere Entwürfe eines menschlichen Lebens nötig.

Die technokratische Antwort darauf lautet:  Nächstenliebe ist sinnlos und überfordernd, es gelten nur Interessen! Andere, vor allem Christen, Humanisten, Juden und Sozialisten sagen:

Liebe ist das tiefste Bedürfnis der Menschen, geben und nehmen zu lernen, die größte Aufgabe. Bedroht ist heute nicht nur die Erfüllung dieses Bedürfnisses- das war sie zu allen Zeiten so - sondern seine Anerkennung, seine Existenz! Es ist umstritten, was der Mensch braucht und ob er nicht mit weniger Liebe weiter kommt!

Darf man schließen, dass die Liebe, die sich nicht in der Familie verschanzt und die den Verzicht auf Gerechtigkeit nicht mitmacht, noch ganz andere Zukunftsmöglichkeiten hat?“ Ist die technokratische Lösung, die die tiefsten Bedürfnisse für nicht existent erklärt und aus der Welt zu manipulieren trachtet, die einzige? Oder ist eine Gesellschaft denkbar und schon im Entstehen begriffen, die die Bedürfnisse ernster nimmt als frühere Zeiten, weil sie das Geben und Nehmen auf einer anderen ökonomischen Basis für alle Menschen zu realisieren sucht?

Über Heimat

Heimat ist, nach Ernst Blochs Schlusssatz aus dem Prinzip Hoffnung, „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ Inhaltlich werden als die Entstehungsbedingungen für Heimat angegeben, dass der„arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet. „

Doch es ist gerade die versprochene Heimat, die heimatlos macht. Die Dialektik, diese Fremdheit dessen, der auf Heimat aus ist und sie gerade darum hier nicht findet, scheint mir unaufhebbar. Wegen einer Heimat, in der noch niemand war, entsteht Heimatlosigkeit. Heimatlosigkeit im Sinne des noch zu Findenden scheint mir nicht aufhebbar und aber auch kein Grund zur Klage, sondern etwas sehr Menschliches. Ein total beheimateter Mensch wäre mir eher unheimlich….

Der Mensch gehört nicht einfach und selbstverständlich in den Bereich der Natur, darum gibt es für ihn die Erfahrung der Heimatlosigkeit. Man muss vor einem harmlosen, heimatseligen Christentum warnen.

Die Narkotisierung des Lebens ist der Feind der menschlichen Gemeinschaft.

»Je unfähiger wir werden, das eigene Leiden zu ertragen, desto leichter fällt es uns, fremdes Leiden zu dulden.« (Kolakowski-Zitat!) Sölle sagt dazu:

Genau dies ist das Doppelgesicht der Apathie: Leugnung und Verdrängung des eigenen Leidens und die eisige Toleranz dem anderen gegenüber. Die leidvermeidenden Strategien in unseren intimen Beziehungen hängt mit der überwältigenden Toleranz, die wir der Ausrottung ganzer Völker zusehen, zusammen.“ S. 33

The personal is he political, die Wahrheit dieses Slogans aus der Frauenbewegung, ist nie so deutlich geworden wie am Problem der Apathie, weißer Mittelklasseapathie in der ersten reichen Welt. Apathie mit ihren Dimensionen der subjektiven Leidlosigkeit, der Leidverdrängung und der objektiven Leidensunfähigkeit wird vielleicht einmal die Kategorie sein, mit deren Hilfe wir das, was seit den Tagen des jungen Marx „Entfremdung“ genannt worden ist, aussprechen: eine neue psychossoziale Qualität. Wenn Sympathie in den Dunstkreis des Verbrechens gerät,  kriminalisiert wird, was anders kann die wahre Erwartung an den Bürger sein? Apathie! Technologisch machbare, staatlich erwünschte und kulturell affirmierte Apathie!

Der Zustand permanenter struktureller Ungerechtigkeit, dessen wir uns erfreuen, hat selbstverständlich Folgen für unser Wertsystem. Dabei haben wir die Beziehung von Liebe und Leid, die Rangordnung, die da herrscht, vertauscht. Leidfrei sein, werden und bleiben bis ins Sterben hinein ist gewiss der anerkannte, oberste Wert. Gesundheit ist, wie jeder weiß, das höchste Gut. Lebendig zu sein, das Ich zu transzendieren, in Kommunikation und Sympathie mit allem, was lebt, zu sein, wird der Leidfreiheit untergeordnet. Apathische Freiheit von Leid, Entbehrung, Schmerz und Sich-Einlassen avanciert zum obersten Wert wie die faltenlose Schönheit, die fleckenlose Sauberkeit, die bruchlose Karriere, die unserem Lebensstil vor dem anderen Völker auszeichnet. Das Ziel, liebesfähig zu werden und Gerechtigkeit zu ermöglichen, wird dem Ziel, »gut«, nämlich unbeschädigt durchzukommen, untergeordnet  

Gnade ist die Wiedervereinigung des Lebens mit sich selbst; die Versöhnung des selbst mit sich selbst, die Wiederannahme dessen, was verworfen ist. (Fehlerfreundlichkeit!!)

Wünsche müssen über die Realität, die wir kennen, hinausgehen. Das ist ihre Stärke, und das ist auch die Stärke des Gebets. Das zu lernen, ist ungeheuer wertvoll. (Interview beim SWR, 26.04.2003 )

Credo für die Erde

Ich glaube, an Gottes gute Schöpfung, die Erde. Sie ist heilig, gestern, heute und morgen.

Taste sie nicht an, sie gehört nicht  dir und keinem Konzern, wir besitzen sie nicht wie ein Ding, das man kauft, benutzt und wegwirft. Sie gehört einem anderen.

Was können wir von Gott wissen, ohne sie, unserer Mutter.

Wie könnten wir von Gott reden ohne die Blumen, die Gott loben, ohne den Wind, das Wasser, die im Rauschen von ihm erzählen. Wie könnten wir Gott lieben,  ohne von unserer Mutter das Hüten zu lernen und das bewahren. ten wir 

Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen, sie ist heilig. Jedes einzelne Blatt, Das Meer, das Land, das Licht und die Finsternis, das Geborenwerden, das Sterben, alle singen das Lied der Erde.

Lasst uns nicht einen Tag leben und sie vergessen.

Wir wollen ihren Rhythmus bewahren und ihr Glück leuchten lassen und sie schützen vor Habsucht und Herrschsucht, weil sie heilig ist, können wir suchtfrei werden. Weil sie heilig ist, lernen wir das Heilen.

Ich glaube an Gottes gute Schöpfung, die Erde. Sie ist heilig, gestern und morgen.

Auf dem Menschenrechtskongress Nürnberg 1999

Vor unseren Augen entstehen heute im Zuge von Deregulierung und Globalisierung der Wirtschaft neu Formen der Sklaverei. Heute sind die schlimmsten Verletzungen der menschenrechte die Folgen der Weltwirtschaft. Schrankenloser Welthandel ist der neue Götze, der uns beherrscht.

Über Fortschritt:

Der technische Fortschritt hat eine Megamaschine erzeugt, die alle Natur, alles geschaffene vergewaltigt. Sie glaubt an ihre zweite Schöpfung, die besser sein soll als die erste. Es wird nicht leicht sein, sich entgegen dieser Kultur der Apartheid und Tod wieder mit dem Leben zu verbinden. (Aus dem Buch: Woran ich glaube, 1990)

Die neue Zeit der Sklaverei

Der größte Terrorist in unserer Welt ist nicht Osama bin Laden, der Taliban oder Saddam Hussein, sondern die neoliberale Weltwirtschaftsordnung, die lokale Tauschordnungen zerstört. Allein die Schuldsklaverei tritt die sozialen Menschenrechte mit Füßen.

Gebet

Lehre uns, Minderheit werden Gott!

Bewahre uns vor der Harmoniesucht und den Verbeugungen vor den großen Zahlen, Sie doch, wie hungrig wir sind nach deiner Klärung, Gib uns Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur Showmaster mit Einsachaltquoten.

Sieh doch, wie durstig wir sind nach deiner Orientierung, wie sehr wir wissen wollen, was zählt. Verschwistere uns mit denen, die keine Lobby haben, denen, die nicht verwertbar sind.

Auf einer Friedensversammlung

Wir sind nicht nur 10.000,  sagte ich, wir sind mehr! Die Toten der beiden Kriege sind bei uns! Ein Journalist fragte mich, wie ich das wissen könne. Ich sagte:

Hast du sie nicht gesehen?  Hast du deine Großmutter nicht jammern hören, als sie wieder anfingen? Wohnst du denn ganz allein, ohne das Tote mal vorbeischauen, einen zu trinken mit dir? Bildest du dir wirklich ein, du wärest nur du?

Gebet

Täglich, so lese ich bei den Mystikern, Gott um die Gabe der Tränen bitten,
täglich Salz und Scham, täglich frei werden. Täglich Gott.

Aus einem Brief an ihre Kinder

Organisierte Religion hin oder her, ich wünsche mir, dass ihr alle ein bisschen fromm werdet, vergesst das Beste nicht! Dass ihr Gott manchmal lobt, nicht immer, das tun nur Schwätzer, aber doch manchmal, wenn ihr glücklich seid, so dass das Glück ganz von selbst in die Dankbarkeit fließt, und ihr Halleluja oder das große Ohm der indischen Religion singt…

Da ist kein Gott drin! Hat eine von euch mal gesagt beim Besuch einer Kirche. So soll es euch nicht gehen! In eurem Leben soll Gott drin sein!

Die wirkliche Freude, die Lebensfreude, das Glück, am Leben zu sein, ist nicht eine Freude, weil es Erdbeeren gibt, oder schulfrei oder einen wunderbaren Besucher gibt. Die wirkliche Freude ist ohne warum: Sonda Warombe (?),  wie mein bester Freund aus dem Mittelalter, Meister Eckart, sagt. Wenn ich euch nur ein wenig davon habe mitgeben können, wäre das schon sehr viel und dann würde ich auch meine unerlaubten Extra-Spezialwünsche, diese mütterlichen Zumutungen, dass Ihr zum Beispiel einmal im Leben Meister Eckart lest, getrost verzichten!

Vergesst das Beste nicht!   (Aus der CD «Verrückt nach Licht»)

Eine Schaukelgeschichte

Eine Jolita, in indianischer Tracht, auf dem Spielplatz. Zwei weiße, städtische Frauen daneben: stoßen sie an, ermuntern sie,  hoch und weit weg zu fliegen! Die dunkelhäutige setzt das Kind ihr gegenüber, zieht es zu sich. Kind gewinnt Schwung aus der Nähe zur ihr. Das unendliche Spiel der Beziehung, nah und fern, bei dir sein und: ich komme nie wieder! Lässt sich finden, macht die Augen zu. Die anderen werden gelobt, nicht gelockt, sie sollen die Welt erobern. Noch mal, noch mal! Eine Forderung, nicht ein Betteln. (34/2.)